Oder um die Gräfin zu zitieren:
"Auch wenn ich dich nicht angucke,
ich seh dich."
GELEGENTLICH SPIELT SIE GITARRE
Als ich wach werde, um Mitternacht herum, der Fernseher flimmert durchs Zimmer, ist die Gräfin über mir, wie aufgedreht spielt sie Gitarre mit meinem Brusthaar und puhlt mir am Auge rum.
"Du, ich möcht mal sehen, wie es dahinter aussieht, hinter den Augäpfeln!"
Ich glaub, ich bin noch nie so krachend lachend wach geworden.
Aus der Zeitungs-Kolumne
SOLINGER ABENDE
TRIPPIN'
Von Andreas Glumm
Von Solingen Hauptbahnhof bis Solingen-Schaberg ist es nur eine einzige lausige Station. Warum mein Hund und ich dafür dennoch den Regionalexpress nehmen? Weil man sich vom Schaberg aus ohne Ende breit machen kann, in die Wupperberge hinein. Man kann laufen und laufen und laufen. Einmal hab ich mich verlaufen. Zum Glück kam mir ein Einheimischer entgegen. „Sagen Sie, wo komm ich denn hin, wenn ich geradeaus weiterlaufe?“ hab ich gefragt. „Geradeaus?“ Der Mann verlangsamte sein Tempo. „Da laufen Sie sich praktisch tot.“ Dann tippte er mit dem Zeigefinger gegen sein Hütchen und marschierte weiter. So ist das hier. Man ist nicht unfreundlich, aber stehen bleiben und mit einem Unbekannten plaudern? Nein. Das muss nicht sein. Da gibt man sich eher verschlossen und etwas düster, so wie der Urwald, aus dem die Wupperberge hervorgegangen sind. Noch heute zeichnet sich das Bergische Land, gelegen zwischen rheinischem Frohsinn und Gelsenkirchen, durch ein massives Auf und Ab aus. Vorteil: An welch niedrigem Punkt auch immer man sich aufhält, spätestens ein, zwei Straßen weiter geht’s wieder bergauf und die Heimatstadt lässt sich trefflich von oben betrachten, sagen wir: die eigene Situation. Nachteil: Man braucht Kondition. Und genau das ist der Grund, warum ich heute den Regionalexpress nehme. Ich brauch die Puste nämlich noch für die endlos rauschenden Wupperberge.
Ich sitze mit Frau Moll im Raucherabteil. Der Schaffner kommt herein. Ein recht mürrischer Schaffner. „Die Fahrkarten bitte!“ Ich zieh mein Ticket aus der Hosentasche. Es ist zerknittert aber gestempelt. Der Schaffner wirft einen kurzen Blick darauf und will schon weitergehen, da entdeckt er die weiße Schwanzspitze von Frau Moll. Die liegt eingerollt unter meiner Bank und döst vor sich hin. Schnarcht sogar ein wenig, obwohl wir doch gerade erst eingestiegen sind. „Und die Fahrkarte für den Hund?“ „Für den Hund? Ist doch nur eine Station“, sag ich. „Sie haben also keinen Fahrausweis für den Hund?“ „Ist doch nur eine Station und wir sind doch fast da und ..“ „Nur eine Station?“ unterbricht er mich. „Hier gelten die Bestimmungen der Bundesbahn, und wissen Sie, was die Bestimmungen der Bundesbahn sagen?“ Ich guck ihn ratlos an. „Sie können ein Huhn, ein Pferd oder meinetwegen auch einen Delphin mitnehmen, ohne dafür einen Fahrschein lösen zu müssen, aber keinen Hund.“ Mit zwei Fingern flitscht er irgendwelchen Knas von seinem Uniformärmel. Der Knas steigt hoch und tänzelt im Sonnenlicht wie ein blauer Biscuit. „Für den Hund müssen Sie zahlen. Und zwar den Kindertarif.“ „Für einen Delphin müsste ich nicht zahlen?“ „Nein. Für Fische generell nicht.“ „Aber Sie wissen schon, dass ein Delphin...“ Ich lasse es, der Mann schaut drein wie ein müdes Säugetier. „Ich könnt Ihnen jetzt vierzig Euro abknöpfen, als erhöhtes Beförderungsentgelt.“ „Und was wäre mit einem Pinguin? Wie steht die Bundesbahn zu Pinguinen?“ Der Zug wird langsamer. Es taucht der Bahnhof auf. Wir sind gleich da. „Kennen Sie den Film, die Reise der Pinguine, Sie als Fachmann?“ „Zahlen Sie den Hund nach, und dann ist gut. Ausnahmsweise. Macht ein Euro fünfzig. Kindertarif.“ Bahnhof Solingen-Schaberg. Die Bremsen quietschen.
„Oh verdammt, ich muss ja hier raus“, sag ich, und das ist das Kommando für Frau Moll. Sie rappelt sich auf, schüttelt sich. „Ach so, das ist ja schon ein älterer Herr“, meint der Schaffner, plötzlich milde gestimmt. „Wer?“ frag ich verblüfft und zieh meine Brieftasche. Ich hab eins fünfzig klein. „Na, der Hund. Der hat doch eine ganz graue Schnauze.“ „Die Schnauze ist grau, stimmt, aber...“ Das muss er ja nicht wissen, dass Frau Moll gerade mal zwei Jahre alt ist. Und eine Dame dazu. „Wir sind auf dem Weg zum Tierfriedhof“, ändere ich meine Strategie, „schon mal einen Grabstein aussuchen.“ „Och, der arme alte Hund“, bückt sich der Schaffner und streichelt Molli. Die ist normalerweise gar nicht begeistert, wenn Fremde ihr zu nahe kommen, doch jetzt spürt sie, was das Stündchen geschlagen hat: großes Theater! Sie kriecht zwei, drei Meter über den Gang, wobei ihre Hinterbeine wegknicken. „HD“, sag ich und steck die eins fünfzig wieder weg, „Hüftgelenks-Dysplasie.“ Ich weiß nicht, wie Frau Moll das hinkriegt, aber sogar ihre Knochen knacken wie eine morsche Fanfare. Gleich bricht sie auseinander, denk ich. „Oooch, der arme alte Hund...!“
Wir haben es schon bis zur Türe geschafft. Ich reiß sie auf und spring auf den Bahnsteig, Molli mit einem Satz hinterher. Der Schaffner glotzt uns noch nach, als der Zug längst wieder angefahren ist, Richtung Remscheid.
„Fein gemacht“, lob ich. Zur Belohnung rück ich ein Leckerchen raus, doch als wir gemeinsam den Bahnsteig hinuntergehen und Frau Moll immer noch den armen gehbehinderten Hund gibt, muss ich sie zur Räson rufen. „Es ist gut, Frau Rühmann. Es reicht!“